Leseprobe – In Handschellen

Am Ende des Arbeitstages war Justin nur noch geschafft. Der Tag hatte keine positiven Erkenntnisse gebracht. Deswegen machte er auch keinen Umweg über seine Wohnung, sondern fuhr direkt zu Alan. Er brauchte eine Pause, denn ihm dröhnte der Kopf von den Berichten, die er mehrmals gelesen hatte, sowie von den Überwachungsbändern, deren Qualität mit jedem Anschauen auch nicht besser wurde. Es war spät, als er endlich bei Alan eintraf, und weil er keine Ahnung hatte, ob der schon schlief, klingelte er nicht. Stattdessen öffnete er mit seinem eigenen Schlüssel die Wohnungstür. Zu seiner Überraschung hörte er schon im Flur eine Stimme, die unmöglich Alan gehören konnte. Als er dann noch über ein paar Schuhe stolperte, war klar, Alan telefonierte nicht, sondern hatte einen Gast.
„Ich wusste nicht, dass du Besuch ...“ Das letzte Wort blieb Justin im Halse stecken, sobald er erkannte, wer der Besucher war. Auf dem Sessel gegenüber der Couch saß niemand anderer als William! Justins Kopf ruckte zu Alan, der auf dem Sofa saß und gerade dabei war, Tee in zwei zierliche Tassen einzuschenken. Er wirkte überrascht, was Justin erkennen ließ, wie wenig Alan ihn erwartet hatte. Diese Erkenntnis stach ihm ins Herz. Er kam, um Alan zu unterstützen, und der machte sich einen Plauderabend mit William. Sein Verstand sagte ihm zwar, dieser Besuch musste juristische Hintergründe haben, aber das beeindruckte seinen Ärger nicht.
„Hallo, Justin. Ich nahm nicht an, du würdest heute vorbeikommen.“ Alan fing sich überraschend schnell, aber in Justin brodelte es bereits. Er ackerte den ganzen Tag, um jeden Verdacht von Alan zu weisen, und der traf sich mit diesem Lackaffen William. Noch dazu verhielt er sich so, als wäre es nicht klar gewesen, ob er am Abend zu ihm kommen würde.
„Ich habe nur länger im Büro gebraucht. Hätte ich von deinem Besuch gewusst, wäre ich schon früher gekommen.“ Justin konnte seinen Ärger nur sehr schlecht verbergen und er merkte, wie Alan sich dessen ebenfalls bewusst wurde. Die Stimmung kühlte deutlich ab.
„Ähm ... nun bist du ja hier. Ich habe heute mit William telefoniert, um den Fall zu besprechen, und da hat er mir angeboten, meine Verteidigung zu übernehmen.“
„Er soll dein Rechtsanwalt sein?“ Mit aufgerissenen Augen sah er zu William. Der saß ruhig, mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Sessel und betrachtete Justin mit gönnerhaftem Blick. Justin bildete sich sogar ein, ein feines Lächeln um seine Mundwinkel zu sehen. Es entstand eine eisige Stille zwischen ihnen, die Alan schließlich mit einem Räuspern unterbrach.
„Wer sollte sonst sein Rechtsanwalt sein, wenn nicht einer der Besten.“ William lächelte, als er das sagte, und erhob sich dann geschmeidig. Er war genauso groß wie Justin und zu dessen Bedauern deutlich besser angezogen. Denn während auf Justins Wangen der dunkle Schatten eines Barts lag, waren Williams Wangen glatt und wirkten unverschämt seidig. Außerdem umwehte ihn der zarte Duft eines Bodysprays.
„Ganz schön große Sprüche. Ich habe immer angenommen, die Besten würden zur Staatsanwaltschaft gehen.“ Es kam ihm einfach so über die Lippen, ohne dass er es hätte aufhalten können. Justin trieb es die Galle hoch, wie William sich profilierte. Er konnte gar nicht anders, als ihm auf diese Weise zu antworten.
„Wenn man keinen Wert auf Geld legt, dann mag das stimmen.“ Zu seinem noch größeren Ärger blieb William gelassen und knöpfte sein Jackett zu. „Aber ich wollte mich nicht mit einem Hungerlohn zufriedengeben. Nicht jeder kann es sich leisten, so bescheiden wie Alan zu leben.“ Er lächelte bei den Worten, während Justin nach Luft schnappte. Doch bevor er etwas sagen konnte, mischte sich Alan ein, der sich ebenfalls von seinem Platz erhob. Der Tee auf dem Tisch geriet dabei ganz in Vergessenheit.
„Okay, wir sollten das Thema jetzt besser beenden.“ Alans Versuch, die Situation zu beruhigen, traf bei Justin jedoch auf taube Ohren. Ihm ballten sich bereits die Fäuste, um William das hämische Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen.
„Nur dass es in diesem Punkt nicht ums Geld geht. Die Ermittlungen laufen noch und solange sie nicht abgeschlossen sind, wird es ohnehin keine Anklage geben. Alan braucht also noch gar keinen Anwalt.“ Das war nicht nur eine dumme Bemerkung, sondern auch sehr großspurig gesprochen, doch Justin war gerade nicht in der Stimmung, sich mit Details aufzuhalten. Zudem hatte sein Kommentar nicht die gewünschte Wirkung auf William. Der hob nur seine Augenbraue und legte den Kopf ein wenig schief, als würde er mit einem Kind sprechen.
„Da habe ich anderes zwitschern gehört und wenn ich mir ansehe, wie die Polizei ermittelt, dann wird Alan den besten Anwalt brauchen, den er nur kriegen kann, und das bin zufällig ich.“ Justin fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. Er mochte nicht sonderlich feinfühlig sein, aber er bekam sehr wohl mit, dass Williams Beleidigung an ihn adressiert war.
„Soll das etwa heißen, ich mache meine Arbeit nicht richtig?“, fragte er gereizt und war drauf und dran, William am Kragen zu packen, um ihn aus der Wohnung zu befördern. Doch so weit kam es gar nicht, weil Alan in Justins Blickfeld trat.
„Nein, das wollte William ganz sicher nicht sagen.“ Obwohl er ruhig sprach, merkte Justin an seinem Blick, was Alan wollte. Einen Moment schwankte er, ob er diesem stummen Wunsch nachkommen sollte. Aber am Schluss siegte Alans wortlose Bitte. Wegen William wollte er sich mit Alan ganz sicher nicht streiten.
„Na dann.“ Mit diesem knappen Kommentar wandte er sich ab und stampfte in die Küche. Es kochte regelrecht in ihm und er ärgerte sich über sich selbst, wie leicht er sich von seiner Eifersucht aus der Bahn werfen ließ. Dennoch ging er gefühlsmäßig gerade auf dem Zahnfleisch. Wenn er sich zwang, ganz objektiv zu denken, dann brauchte Alan wirklich einen Anwalt und da war William gewiss keine schlechte Wahl.
In der Küche klapperte er mit den Schranktüren, auf der Suche nach seinem Lieblingstee. Mit halbem Ohr hörte er, wie Alan und William sich unterhielten und sich kurz danach in den Flur begaben. Ihre Stimmen waren so leise, dass Justin nichts verstehen konnte. Erst als die Tür zufiel und Justin vermutete, William wäre endlich gegangen, hörte er auf, Krach zu veranstalten. Dennoch war sein Zorn noch nicht verraucht, weswegen er den Wasserkocher gereizt mit frischem Wasser befüllte. Alan blieb in der Küchentür stehen und betrachtete sein Tun.
„Du kannst jetzt aufhören. Er ist weg.“ Alan hörte sich an, als würde er ein bockiges Kind beruhigen wollen. Doch Justin wollte sich dieses Mal nicht abspeisen lassen. Stattdessen kippte er das ganze kalte Wasser wieder ins Spülbecken und drehte sich schwungvoll zu Alan um.
„Eigentlich dachte ich, wir hätten dieses Thema hinter uns gelassen.“ Justin wusste, das war nicht der richtige Moment, sich wieder mit Alan wegen William zu streiten. Aber so selbstgefällig, wie dieser Kerl sich gegeben hatte, konnte er seine Anwesenheit nicht einfach so schlucken. „Ich verstehe ja, dass du dir einen Anwalt nehmen wolltest. Das hat dir dein Chef auch vorgeschlagen, aber warum gerade ihn? Es gibt so viele andere!“ Er wollte nicht laut werden, doch er konnte sich nicht zurückhalten. Alan kannte viele Anwälte, er hatte mit den meisten sogar persönlich zu tun und konnte einschätzen, welche von ihnen wirklich kompetent waren. Doch die hatte er nicht gewählt, sondern sich ausgerechnet für William, seinen Ex-Liebhaber, entschieden.
„Du willst mir wirklich raten, ich sollte einen Rechtsanwalt nehmen, mit dem ich vor Gericht zu tun hatte?“ Alan lehnte seinen Kopf gegen den Türrahmen und sah Justin nichtssagend an. „Vielleicht auch noch einen, den ich in Grund und Boden geredet habe? Meinst du, dies würde meine Chancen dann verbessern?“ Mit diesem Einwand hatte Alan natürlich recht und Justin konnte nichts darauf erwidern. Allerdings änderte das nichts an seiner Unzufriedenheit.
„Trotzdem gibt es noch andere“, sagte er deutlich kleinlauter. Alan seufzte, löste sich von der Tür und kam auf ihn zu.
„Ich habe ihn gewählt, weil er sehr, sehr gut ist und ich ihn kenne. Bei ihm kann ich mir sicher sein, dass er wirklich sein Bestes geben wird, wenn er mich vertritt. Was allerdings nicht bedeutet, ich hätte kein Vertrauen in deine Fähigkeiten. Ich möchte einfach nur etwas mehr Sicherheit haben. Wir wissen doch beide, je länger die Untersuchung dauert, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit einer Anklage gegen mich.“ Es war bitter, zu hören, wie Alan alles sah. Verübeln konnte Justin es ihm jedoch nicht. Denn das war die übliche Vorgehensweise und bis jetzt hatte er nichts Brauchbares gefunden, was das Verschwinden der Mordwaffe erklären konnte. Sie konnte sich nicht in Luft aufgelöst haben und das war klar. Verstimmt kaute er auf seiner Unterlippe, weil er nichts entgegnen konnte, um Alan mehr Sicherheit zu geben. Nun kam er sich wirklich wie ein schlechter Polizist vor, der nichts zustande brachte. Dabei war er es doch, der am besten hätte wissen müssen, dass Ermittlungen nur im Fernsehen einige Tage dauerten. Mit der Wirklichkeit hatte das nur wenig zu tun.
„Jetzt machst du ein Gesicht, als würdest du darüber nachsinnen, William aufzufressen.“ Alan schaffte es, Justin gegen seinen Willen schmunzeln zu lassen.
„Und wenn ich darüber nachdenken würde?“ Justin konnte es einfach nicht fassen, dass Alan trotz der prekären Lage noch die Kraft hatte, ihn aufheitern zu wollen. Dabei war er es doch, der Trost gebrauchen konnte.
„Dann wäre das sehr schlecht, weil ich anderes mit dir vorhabe.“ Sein anzüglicher Blick ging Justin durch Mark und Bein, weswegen er ihm auch ohne Gegenwehr aus der Küche folgte.

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